Gehmannsberg. Zapfige minus 18 Grad zeigte das Thermometer draußen – umso erstaunlicher die wohlige Wärme drinnen. In der großen Zimmererhalle von Holzbau Dengler herrschten dank Fußbodenheizung angenehme 22 Grad. Doch nicht nur die Temperatur sorgte dafür, dass sich über 130 Besucherinnen und Besucher in Gehmannsberg einfanden. „Hauptsächlich waren es die Referentinnen und Referenten, die mit Offenheit und ihren persönlichen Geschichten zum "Handel im Wandel" die Gemüter erwärmten.“
Bereits zum dritten Mal luden die ILE Grüner Dreiberg und HeimatUnternehmen Bayerischer Wald zu ihrem gemeinsamen Vortragsformat ein. Im Mittelpunkt standen Menschen aus dem ländlichen Raum, die Handel nicht nur betreiben, sondern aktiv gestalten – mit persönlichen Geschichten, neuen Vertriebswegen und innovativen Konzepten.
Begrüßt wurden die Gäste von Bürgermeisterin Simone Hilz sowie den Organisatorinnen Manuela Topolski von der ILE Grüner Dreiberg und Lisa Ditz sowie Lisa Späthe von HeimatUnternehmen Bayerischer Wald. Die Zuhörerschaft war bunt gemischt – Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft waren ebenso gekommen wie engagierte Bürgerinnen und Bürger. Als besonderer Ehrengast wurde Sven Päplow vom Amt für Ländliche Entwicklung willkommen geheißen.
Moderatorin Anna Weiß führte charmant durch den Abend und spannte den Bogen weit zurück. Schon vor über 4000 Jahren wurde getauscht und gehandelt. Der Wandel sei also kein neues Phänomen, sondern ein ständiger Begleiter der Menschheit.
Als erster Redner ergriff Hausherr Josef Wildfeuer – Geschäftsführer von Holzbau Dengler – das Wort. Vom Baustellenmitarbeiter zum Geschäftsführer berichtete Wildfeuer offen davon, wie er Verantwortung übernahm, als die Zukunft des Unternehmens ungewiss war. „Zusammenhalt und Regionalität – das ist es, was uns ausmacht“, betonte er und gab damit gleich die Tonlage des Abends vor.
Es folgte Bürgermeister Fritz Schreder aus Frauenau, der das Konzept „Tante Enso“ vorstellte. Dabei handelt es sich nicht um einen klassischen Dorfladen, sondern um einen Nachbarschaftsmarkt – neu gedacht. Der Zugang erfolgt für Mitglieder per Kundenkarte auch außerhalb der üblichen Öffnungszeiten, ergänzt durch Servicezeiten mit Personal. Tante Enso verbindet moderne Technik mit wohnortnaher Grundversorgung und starker Bürgerbeteiligung. Damit steht das Konzept beispielhaft für Handel im Wandel, weil neue Technologien genutzt werden, um Versorgung, Lebensqualität und Gemeinschaft im ländlichen Raum zu sichern. Schreder sprang dabei kurzfristig für Monika Kreuzer „De Kramerin“ aus Bayerisch Eisenstein ein, die krankheitsbedingt absagen musste, und machte deutlich, wie wichtig wohnortnahe Einkaufsmöglichkeiten als soziale Ankerpunkte in den Gemeinden sind.
Wie sich Handelsformen über Jahrzehnte verändern, zeigte Annemarie Wolf, die seit über 30 Jahren im Direktvertrieb tätig ist. Sie sprach offen über die Anfänge in den 1990er Jahren, über Kundenbindung, persönliche Beziehungen und auch über die Insolvenz von Tupperware vor rund einem Jahr. Trotz aller Umbrüche blieb sie dem Konzept treu und arbeitet nun aktiv am Wiederaufbau mit. Ihr Fazit: Handel im Wandel heißt auch, Krisen auszuhalten, dem Produkt treu zu bleiben und gleichzeitig die persönlichen Beziehungen zu den Kundinnen und Kunden in den Mittelpunkt zu stellen.
Einen weiteren Blickwinkel brachten Heike Schlüter-Baier und Julia Weinmann ein, die über ihren Weg im modernen Direktvertrieb mit doTERRA berichteten. Beide sind im Gesundheitssektor tätig und beschäftigen sich seit Jahren mit der Wirkung ätherischer Öle. Für sie beginnt Wandel nicht im System, sondern im Bewusstsein. „Wenn Mensch, Natur und Wirtschaft wieder in Beziehung treten, entsteht ein Handel mit Haltung“, zeigten sich beide überzeugt.
Siegfried Oswald von Edeka Oswald in Kirchberg und Deggendorf zeigte, wie sich auch der klassische Einzelhandel stetig anpassen muss. Schon früh trat er in die Fußstapfen seines Vaters und absolvierte seine Ausbildung im elterlichen Betrieb. Mit der Zeit zu gehen bedeutete für ihn auch, den Standort Regen schweren Herzens zu schließen, da Sortiment und Infrastruktur nicht mehr zeitgemäß waren. Trotz aller Veränderungen bleibt der Betrieb der Region treu und setzt bewusst auf eine ausgewogene Mischung aus Regionalität und zeitgemäßem Angebot.
Daraufhin zeigte Jessica Faschingbauer, wie sie Familie, Pflegeberuf und Selbstständigkeit miteinander verbindet. Anhand ihrer Tätigkeit mit Ringana machte sie deutlich, wie nachhaltige Produkte neue Vertriebsmodelle und persönliche Überzeugungen zusammenwirken können. Ihr Beitrag zeigte, dass moderner Handel auch im ländlichen Raum flexible Wege eröffnet und Raum für individuelle Lebensentwürfe schafft.
Den Abschluss der Vorträge bildete Prof. Dr. Axel Menzebach, der den Wandel des Handels aus psychologischer Sicht einordnete. Mit viel Humor, persönlichen Anekdoten und einem Augenzwinkern zeigte er auf, wie Verkaufsstrategien wirken, wo sie lenken und wo sie manchmal auch subtil beeinflussen. Er machte deutlich, dass jede Handelsform ihre Berechtigung hat nach dem Grundsatz „Alles kann – niemand muss“.
Doch Schluss war danach noch lange nicht. Auf einem kleinen Marktplatz hatten die Besucherinnen und Besucher Gelegenheit, sich über die vorgestellten Produkte zu informieren. Das Interesse war groß, die Stände gut besucht, die Gespräche lebendig. Kulinarisch begleitet wurde der Ausklang von Christine Resch mit dem Glückskindl Camper Café.
Abschließend gebührt den Referentinnen und Referenten großer Respekt. Besonders im Bereich Direktvertrieb ist es keine Selbstverständlichkeit, vor Publikum sprechen zu dürfen. Viele angefragte Referenten anderer großer Marken mussten absagen, da ihre Unternehmen eine Teilnahme nicht erlaubten. Umso bemerkenswerter war, dass die Vortragenden ihre Erfahrungen und Einblicke offen teilten und so den Abend bereichert haben.
Ein Abend, der zeigte: Handel ist im Wandel, aber vor allem bleibt er menschlich, regional und voller persönlicher Geschichten.